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Freidenkerinnen und Freidenker Ulm/Neu-Ulm e.V.
präsentieren:

Kai Degenhardt – Tour 2016

am 11. März 2016 um 19 Uhr
im Haus der Gewerkschaften (Großer Saal)
Ulm, Weinhof 23

Politische Lieder, Montagetechnik
und „eigener Sound“
(Kai Degenhardt)

„Liedermacher“ , das ist ja der deutsche Begriff für „Singer - Songwriter“. Dass er nicht gleichbedeutend damit ist, liegt daran, dass es in Deutschland nationale Eigenheiten gibt, die dem Genre zugrunde liegen. Im Klartext: Die Nazis haben die deutsche Liedkultur und die deutsche Vokalmusik derartig missbraucht, verschüttet, zerschreddert, dass sich nachfolgende Generationen darauf nur mit äußerster Vorsicht und nur gebrochen beziehen konnten. Das gelang und gelingt eigentlich immer nur dann, wenn man mit einer klaren antifaschistischen Haltung daran geht und immer auch das konkret Gesellschaftliche miteinbezieht. Und in genau der Tradition sehe ich mich als Liedermacher, und ich halte sie auch gerade heute für besonders wichtig, wo es ja fataler Weise wieder eine starke Szene von politischen Künstlern, allerdings bei den Nazis, gibt. Natürlich mache ich politische Lieder
− was auch sonst.

Ich bediene mich dabei aus dem musikalischen Material der zeitgenössischen U- Musik . Die verschiedenen Stilrichtungen benutze ich dabei für meine Zwecke. Das verdeutliche ich, indem ich ihnen ihre musikalischen Sättigungsbeilagen entziehe. Der dabei mitunter entstehende musikalische Verfremdungseffekt gefällt mir. Ich spiele außerdem ganz gut Gitarre. Auf der Bühne benutze ich ab und zu einen „Loop - Recorder“, mit dem ich kleinere musikalische Phrasen sample, übereinander schichte und als Live - Playback benutze. Zusammen nenne ich das mal: meinen Sound.

Geboren 1964, wurde ich in den Siebzigern und frühen Achtzigern entscheidend musikalisch sozialisiert, bin also mit Folk, Rock, Punk, Wave, Reggae usw. groß geworden, aber auch mit den Liedern meines Vaters Franz Josef Degenhardt sowie dem kulturellen Umfeld der linken und linksradikalen Szenen dieser Jahre. Mit meinem im Jahr 2011 gestorbenen Vater arbeite te ich auch viele Jahre als Arrangeur und Gitarrist zusammen und habe von 1987 an auf sämtlichen seiner Alben und diversen Tourneen mitgewirkt.

Seit 1997 habe ich fünf eigene Alben veröffentlich. Das letzte, „Näher als sie scheinen“ , erschien im Frühjahr 2012 . Die Jury der Liederbestenliste wählte es zur CD des Monats Mai, die der Vereinigung Preis der deutschen Schallplattenkritik wertete es, wie auch schon das Vorgängeralbum „Weiter draußen“, als eine der künstlerisch herausragenden Neuveröffentlichungen des Tonträger-marktes und zeichnete es durch Aufnahme in die Besten liste aus. Die neue CD erscheint im Herbst 2016. Auf meinen Konzerten präsentiere ich aber nicht nur die aktuelle CD, sondern spiele auch ein paar neue und ältere sowie, je nach Lust, zwei, drei oder auch mehr Lieder aus dem Werk meines Vaters.

„... Kai Degenhardt ist einer der wenigen Liedermacher seiner Generation, der sowohl mit einer klaren politischen Position als auch mit musikalischen Ideen aufwarten kann.“ (Jazzthetik)

weitere Infos:
www.kai-degenhardt.de


Kai Degenhardt
„Näher als sie scheinen“

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Die CD
Auch meine fünfte Platte ist selbstverständlich wieder ein politisches Liedermacher-Album – was sonst? Allerdings nicht in dem Sinne, dass ich zur Klampfe singend tagespolitische Themen erörtere. Musikalisch basieren weite Teile des Albums auf Geräusch-Samples – vom Mülltonnendeckel über Katzen-Gemieze zum Schlagschrauber. Ich bin tatsächlich in den letzten zwei Jahren meiner Umwelt häufig dadurch auffällig geworden, dass ich mit einem mp3-Recorder durch die Gegend lief und alle möglichen Alltagsgeräusche aufgenommen habe. Ausschließlich aus solchen Schnipseln habe ich dann am Rechner die Beats für die Stücke des neuen Albums gebastelt. Der entstehende Verfremdungseffekt ist natürlich Sinn der Angelegenheit. Aber keine Sorge, auch klassische Musikinstrumente werden noch gespielt, und zwar Gitarre, Bass, Klavier, Melodica und Laptop.

Näher als sie scheinen ist aber auch ein Album im hergebrachten Sinne des Wortes, weil die darauf enthaltenen Stücke inhaltlich zusammengehören. Die seit nunmehr 5 Jahren andauernde und stetig sich verschärfende globale Systemkrise bildet den übergeordneten thematischen Bezugsrahmen für die insgesamt 16 Stücke. Ob heute wieder gilt, dass „wenn alles beim Alten bleiben soll, sich alles ändern muss" – wie es di Lampedusa in seinem Roman „Der Leopard“ schrieb – oder doch schon ein Szenario zu erkennen ist, „dass die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen" (Lenin) – das versuche ich auf der Platte, sozusagen en passant, poetisch zu erörtern.

Dabei möchte ich gerne das ganze Spektrum der persönlichen Konnotationen meiner Hörer wachrufen, auf dass diese sich mit Text und Musik irgendwie verzahnen. Dazu gehören Emotionen und Erinnerungen an frühere Erfahrungen und Wahrnehmungen (Näher als sie scheinen, Über den Mond) genauso wie das Durchspielen der inneren Möglichkeiten zu den in den Songtexten gemachten Vorschlägen hinsichtlich der Aneignung von Gegenwart und Geschichte (Herbst 1918, Zum Verbrechen, Vom Machen und Überlegen, Die Karawane). Konzeptalbum? – Na klar.

Die zwischen den längeren Songs eingesetzten Miniaturen werfen ihre Streiflichter auf die individuellen Innen- und Außenräume, wo die politische Großwetterlage, die voranschreitende gesellschaftliche Fragmentierung und Entsolidarisierung sich ins so genannte Persönliche übersetzen (Frau Gesangsverein, Michael) und sich mitunter eine allgemeine soziale Statuspanik Bahn bricht (Auf Augenhöhe, An den Kufen des Hubschraubers, Wendehammer-Bohème).

Bänkelsong oder doch Ballade? – egal, die klassischen Disziplinen werden jedenfalls auch gepflegt: Die Ballade von Bernie Strauß ist die 12-strophige Erzählung einer postfordistischen Aufsteiger-Biographie und ihres Endes, zu einem geloopten Flamenco-Bulería-Fake im 12/4-Takt. Und in Nach der Sperre greife ich das Genre ‚Bewaffnetes Road-Movie‘ von der letzten Platte wieder auf und setze die Geschichte fort: Es ist ja auch wirklich nicht meine Aufgabe mitzuteilen, was in meinem Leben real geschieht, sondern davon zu erzählen, was mir nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit passieren könnte.

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hatten sich beträchtliche Teile der kulturellen Opposition aus dem Geist von 1968 in die neoliberale Kapitalismus-Restauration eingeschrieben. Mit dem Platzen der Immobilien-, Finanz- und anderer Blasen sind manche davon heftig abgestürzt und auch aufgeprallt. Der 18-minütige XXL-Schluss-Song Unwetter in Blau aus der Gattung des epischen Ein-Akkord-Rollen-Liedes erzählt das „Fleddern“ eines so Gestürzten: In Raum und Zeit gedehnte Textmalerei zu programmierten Sound- und Geräuschschleifen, darüber live eingespielte, improvisierte Instrumentalstimmen von Klavier und spanischer Gitarre – genremäßig irgendwo zwischen Morricone und modalem Jazz.

Ich
Ich zähle meine Musik zu dem Genre, das die Anglo-Amerikaner „Singer-Songwriter“ nennen und das bei uns unter „Liedermacherei“ läuft. Wenn meine Musik und die Texte heute anders klingen als das zu Zeiten der Burg-Waldeck-Festivals in den 1960ern der Fall war, so verdeutlicht es das nur. Purismus und Tradition sind zwei grundverschiedene Angelegenheiten. Und – natürlich mache ich politische Lieder. Ich schreibe und singe von mir und Gott und der Welt und wie das alles zusammenhängt. Im landläufigen TV-Talk-Sinne aber ist und bleibt meine Musik absolut unpolitisch: Weder die Bundespräsidenten-Affäre noch der Fiskalpakt werden von mir auch nur im Ansatz textlich oder musikalisch behandelt.

Geboren 1964, wurde ich in den Siebzigern und frühen Achtzigern entscheidend musikalisch sozialisiert, bin also mit Folk, Rock, Punk, Wave, Reggae usw. groß geworden, aber natürlich auch mit den Liedern meines im November letzten Jahres verstorbenen Vaters Franz Josef Degenhardt. Mit ihm habe ich 20 Jahre als Arrangeur und Gitarrist zusammengearbeitet. Von 1987 an habe ich auf sämtlichen seiner Alben und diversen Tourneen mitgewirkt. Natürlich hat mich das künstlerisch stark geprägt.

Seit 1997 habe ich fünf eigene Alben veröffentlich. Das letzte, Weiter draußen, wurde 2008 von der Jury der Liederbestenliste zur CD des Monats November gewählt, und die Vereinigung „Preis der deutschen Schallplattenkritik" wertete es als eine der künstlerisch herausragenden Neuveröffentlichungen des Tonträgermarktes.


Artikel aus der Wochenendbeilage vom 21.04.2012 der
junge welt

»Ausmaß der Niederlage noch nicht begriffen«

Gespräch mit Kai Degenhardt. Über das totgesagte politische Lied, die Aufgaben einer linken Kultur und die Krise der Musikindustrie als Chance
Interview: Thomas Wagner

externer Link zum Artikel


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